Vorträge

Freitag

Blandine Calais-Germain

Geburt und Bewegung

Häufig sind es die kleinen Bewegungen, die dem Kind helfen, seinen Weg durch den Geburtskanal zu finden: Kippt die Frau ihr Becken und macht schaukelnde sowie kreisende Bewegungen, verändern sich die Beckenräume. Manchmal nur minimal, aber ausreichend, um die Platzverhältnisse im Becken zu verändern. Blandine Calais-Germain verdeutlicht in ihrem Vortrag anhand von konkreten Haltungen und Bewegungen die anatomischen Zusammenhänge und Auswirkungen auf den Geburtsprozess. Sie zeigt, wie Hebammen die Frauen in ihrer Intuition unterstützen können.

Katja Baumgarten

Nachdenken über die freie Wahl des Geburtsortes

Laut Sozialgesetzbuch hat eine Schwangere die freie Wahl, wo sie ihr Kind bestmöglich zur Welt bringen möchte. Die Realität sieht anders aus: Viele selbstständige Hebammen haben die Geburtshilfe aufgegeben. Ganze Landstriche sind unterversorgt, wenn Eltern wohnortnah Hilfe zur Geburt ihres Kindes suchen, die ihren Bedürfnissen entspricht. Wird sich die Schiedsstellenentscheidung bei den Verhandlungen der Hebammenverbände mit dem GKV vom September 2015 durchsetzen? Und wenn, mit welchen Auswirkungen? Katja Baumgarten denkt über die Bedeutung der physiologischen Geburt nach und die Diskrepanz zwischen den Wünschen von Frauen und geburtshilflicher Realität – dies auch vor dem Hintergrund von Restriktionen bis hin zu juristischen Konsequenzen, wenn Hebammen dem individuellen Wunsch der Frauen folgen. Stehen am Ende manche Mütter vor der notgedrungenen Entscheidung, allein zu gebären?

Dr. Christiane Schwarz

Die gesunde Schwangere im Kontext der Wahrscheinlichkeiten

Lotto, Wetterbericht, Börse: Wie es sich entwickelt, ob es gut geht oder nicht – das Ergebnis ist ungewiss. Risiken und Wahrscheinlichkeiten lassen sich zwar mathematisch berechnen, aber wie es am Ende kommt, weiß niemand. Trotzdem herrscht zum Beispiel, wenn es um die Risiken bei gesunden Schwangerschaften geht, oft Verwirrung darüber, was ein Risiko überhaupt ist, wen es trifft und wie wahrscheinlich es ist. Das hat komplexe Folgen: Der Wunsch, Risiken zu minimieren und Komplikationen zu verhindern, ist nicht nur ehrenhaft, sondern lässt sich im Zweifelsfall auch gut vermarkten. In diesem Vortrag regt Christiane Schwarz zum Gehirnjogging rund um Risiken und Komplikationen, Screenings und Diagnosen sowie Wahrscheinlichkeiten und Chancen an – und behält dabei im Blick, wie es der Schwangeren eigentlich mit all den Vorhersagen, Prognosen und nebenbei fallen gelassenen Aussagen geht.

Mutmachbeispiel 1: Frauenrechte verteidigen, Hebammenrechte einfordern

Hebammen stellen Frauen und ihre Kinder tagtäglich in den Mittelpunkt. Wie schwierig es aber sein kann, schwangere Frauen in Flüchtlingsunterkünften gut zu versorgen, erlebte die Hebamme Katja Tempel im Herbst 2015: Um die Intimsphäre der zum Teil traumatisierten Geflüchteten bei der Schwangerenvorsorge zu wahren, riskierte sie einen Platzverweis und Hausverbot. Nach einer Woche entschuldigten sich Polizei und Betreiber der Notunterkunft. Seitdem dürfen die Frauen auch direkt von Hebammen in ihrer Unterkunft aufgesucht werden– ohne Aufsicht durch die Betreiber. Aufsuchende Hebammenhilfe muss manchmal schwer erkämpft werden, doch lohnt es sich. Ein Mutmachbeispiel, von einer, die auszog, gegen institutionelle Zwänge zu kämpfen.

Denize Krauspenhaar

QM – und was haben die Frauen davon?

Beim Thema Qualitätsmanagement denken Hebammen häufig in erster Linie an die Forderungen des Gesetzgebers – sie möchten klären, was sie tun müssen, damit auch weiterhin ihre Leistungen vergütet werden. Dieser Wunsch ist berechtigt, führt allerdings weit weg vom eigentlichen Sinn und Zweck des QM in der Hebammenarbeit. Beim „Managen der Qualität“ geht es um frauenorientiertes Arbeiten: Was erwarten Frauen heute von Hebammen und ihren Leistungen? Was können sie erwarten? Die Ansprüche an die Qualität der Hebammenarbeit sollten nicht vom Gesetzgeber vorgegeben werden, sondern von den Frauen, ihren Familien und der Evidenz. Frauen fordern eine hochwertige Leistung, wenn sie die Kompetenz der Hebammen in Anspruch nehmen. QM soll diese berechtigten Forderungen sicherstellen und transparent machen – und damit der Frau Sicherheit geben und die Hebamme in ihrem Berufsalltag unterstützen.

Eugene Declercq

Listening to mothers

Mit den groß angelegten Feldstudien „Listening to mothers 1-3“ haben Eugene Declercq und seine Studiengruppe amerikanische Frauen durch ihre Erfahrungen während der Schwangerschaft begleitet. Der dritte Bericht zur Studie umfasst die Ergebnisse einer Befragung von 2.400 Müttern, die ihre Kinder zwischen 2011 und 2012 in Krankenhäusern zur Welt brachten. Betrachtet und analysiert werden unter anderem die drängenden Probleme in der Wöchnerinnenversorgung und die gemeinsame Entscheidungsfindung während der Schwangerschaft. Dr. Eugene Declercq konzentriert sich in seinem Vortrag auf einige der signifikantesten Ergebnisse der Studien und ihre Relevanz in Bezug auf Schwangerschaftsvorsorge in Industrieländern. Für ihn ergeben sich fünf Lektionen, die von der Forschergruppe herausgearbeitet wurden, indem sie den Müttern zugehört haben.

Romy Hartmann | Corina Scheurer

Mutmachbeispiel 2: Klinische Hebammen auf neuen alten Wegen - Perspektivwechsel einer Level 1 Klinik

Wie lässt sich in einer Level-1-Klinik die Interventionsrate senken? Als die Hebammen der Helios-Klinik in Pforzheim erkannten, dass die Häufigkeit von geburtshilflichen Eingriffen selbst bei Frauen mit niedrigem Risiko deutlich zu hoch war, wurde der Ruf nach Veränderung laut. Das Hebammenteam erarbeitete ein Konzept, das sich an den salutophysiologischen Grundsätzen orientiert. Und sie hatten Erfolg! In ihrer Arbeit legen die Hebammen Wert auf die individuelle Betrachtung von Mutter und Kind, auf eine ressourcenorientierte Betreuung, Körperarbeit und achtsame Begleitung. Dabei werden die naturgegebenen Kompetenzen von Mutter und Kind geachtet und gefördert und die Gesundheit von Mutter und Kind unterstützt. Für diesen Richtungswechsel in der Klinik war ein Umdenken der Hebammen und der ÄrztInnen nötig. Es hat sich gelohnt: Die klinikinterne und jahresvergleichende Statistik bestätigt den Erfolg.

Samstag

Patricia Gruber

Der Notfall – aus der Sicht der Gebärenden

Ein Notfall ist für alle Beteiligten ein dramatisches Ereignis – auch dann, wenn er gut ausgeht. Während die Hebammen und GeburtshelferInnen froh darüber sind, dass sie einen Notfall rechtzeitig erkannt und gut gemanagt haben, Mutter und Kind physisch gesund geblieben sind, kann dieses Erlebnis die Mutter langfristig traumatisieren. Wie sieht ein Notfall aus Sicht der Gebärenden oder auch des werdenden Vaters eigentlich aus? Wie fühlt sich eine Gebärende, wenn sie blutet, alle um sie herum hektisch werden, ihr Kreislauf zusammenbricht und alle zu beschäftigt sind, um zu erklären, was gerade mit ihr passiert? Wie kann sie in so einer Situation das Vertrauen haben, dass alles gut wird? Anhand von Videosequenzen aus Notfalltrainings zeigt Patricia Gruber in ihrem Vortrag die Sicht der Gebärenden. Dieser Perspektivenwechsel ist ein Lehrstück für alle, die Notfälle professionell begleiten.

Mascha Grieschat

Die Stimme der Frauen: das Recht auf eine gerechte Geburt

Wodurch wird eine Geburt „gerecht“, wodurch „ungerecht“ – lässt sich diese Frage überhaupt allgemeingültig beantworten? Nach eigener traumatischer Geburtserfahrung beschäftigt sich Mascha Grieschat mit genau dieser Frage und gründete die Initiative für gerechte Geburtshilfe in Deutschland. Ob eine Frau einen Tropf als traumatisierenden Eingriff erlebt oder nicht, hängt häufig nicht von der Tatsache ab, dass sie diese Intervention erlebt, sondern wie sie sie erlebt. Mascha Grieschat möchte mit ihrem Engagement auf die Tatsache aufmerksam machen, dass nach wie vor viele Frauen psychische, physische oder verbale Gewalt während der Geburt erleben. Wertschätzende Versorgung beinhaltet das Recht auf Würde und Selbstbestimmung. Routineinterventionen, Personal- und Zeitknappheit stehen dem entgegen. Welche Forderungen können Frauen stellen? Und wie werden „gerechte“ Geburten möglich – für alle Beteiligten?

Eugene Declercq

Birth by the numbers

Mit der Webseite „Birth by the numbers“ (www.birthbythenumbers.org), die Eugene Declercq zusammen mit seinem Team ins Leben gerufen hat, stehen allen Interessierten hochaktuelle Informationen zu den Geburtspraktiken und ihren Folgen in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern zur Verfügung. Die Seite bietet Zugang zu zeitgemäßem Datenmaterial und bleibt dabei für ihre Zielgruppe – werdende Eltern, Klinikmitarbeiter, Geburtshelfer, Lehrende, Studenten, politische Entscheidungsträger und Medien – verständlich. Dr. Eugene Declercq präsentiert in seinem Vortrag kritische Entwicklungen der zeitgenössischen Geburtspraktiken und vergleicht dabei die Ergebnisse aus den USA, Deutschland und anderen Industriestaaten.

Peggy Seehafer

Dammschutz – was sagt die Evidenz, was wünschen die Frauen?

Etwa 70 Prozent der vaginalen Geburten gehen mit einer Verletzung des Genitale einher – und insbesondere nach Sphincterruptur mit einer Einschränkung der Lebensqualität der Frauen. Diese zu vermeiden ist von jeher ein Anliegen von Hebammen und der Dammschutz war lange die Methode der Wahl. In den vergangenen Jahren hat der Dammschutz an Popularität eingebüßt, doch erstrahlt er nun in neuem Glanz: Während eine Meta-Analyse von 2011 keinen positiven Effekt des Dammschutzes nachweisen konnte – außer, dass die Frauen ohne Dammschutz länger über Schmerzen im Bereich des Perineums klagten –, findet eine neuere Meta-Analyse von 2015 deutliche Hinweise auf seine protektive Wirkung. Einige Länder wie beispielsweise Großbritannien und Spanien haben daraufhin ihre Leitlinien aktualisiert und empfehlen den Dammschutz wieder als präventive Maßnahme. Aber auch dies setzt eine informierte Entscheidung und Einwilligung der Frau voraus.

Grit Kretschmar-Zimmer

Das Wochenbett – Frau und Hebamme im Spannungsfeld zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Egal, ob eine Hebamme bereits seit vielen Jahren Frauen im Wochenbett betreut oder frisch und enthusiastisch in die Nachsorgen startet: Oft klaffen die eigenen Vorstellungen und die Realität weit auseinander. Warum ist das so? Haben sich die Frauen verändert? Ist es ein Phänomen der Zeit, dass das Wochenbett nicht mehr als solches gesehen wird? Jede Hebamme hat auf dem kleinen gemeinsamen Nenner der Ausbildung ein eigenes Konstrukt, dem sie folgt. Aber auch jede betreute Frau und ihre Familie hat eigene Ansprüche, die nicht zwingend mit denen der Hebamme übereinstimmen ... Diese Reibung erzeugt Unzufriedenheit, aber auch Wärme! Es ist einen Versuch wert, bestehende Denkmuster auf den Prüfstand zu stellen. Grit Kretschmar-Zimmer wagt einen Perspektivwechsel.

Nancy Iris Stone

Geburt erleben, Geburt begleiten

Die Geburt wird in der Regel in messbaren Daten wie Zeit und Zentimeter festgehalten: die Weite des Muttermundes, der Höhenstand des vorangehenden Teils, die kindlichen Herztöne. Im Partogramm wird die Geburt in einen mechanischen Prozess überführt – das eigentliche Erleben der Frau wird damit aber nicht beschrieben. Die Hebamme Nancy Stone hat im Rahmen einer qualitativen Studie 73 Interviews mit Frauen und Hebammen durchgeführt und über 50 Stunden Geburten beobachtet – und das Zusammenspiel zwischen Geburtsdynamik und Geburtsverlauf analysiert. Ihre Erkenntnis: Die Dynamik der Geburt lässt sich durch Zahlen allein nicht beschreiben. Um die Sicherheit der Frau zu gewährleisten, müssen ihren Emotionen, Gebärden und Bedürfnissen genauso viel Wert zugeschrieben werden.