Vorträge

Freitag

Prof. Dr. Christiane Schwarz

Physiologie und Interventionen – ein Widerspruch in der Geburtshilfe?

Physiologische Geburt und Interventionen, widerspricht sich das? Immer, manchmal, nie? Kann eine Intervention eine normale Geburt stören – oder kann eine Intervention eine pathologische Situation korrigieren und die normale Geburt dadurch erst möglich machen? Gibt es gute und schlechte Interventionen? Wenn ja: Welche sind das? Was ist überhaupt eine Intervention, was nicht? Und was ist eigentlich eine physiologische Geburt? Wie funktioniert Gebären und für wen ist welche Geburt gut? Tausendmal gefragt und noch immer keine eindeutigen Antworten? In diesem Vortrag betrachtet Prof. Christiane Schwarz alte und neue Weisheiten sowie Forschungsergebnisse rund um diese Fragen.

Christin Geven | Claudia Leder-Appiah | Sandra Murn

Mutmachbeispiel 1: Ein Geburtshaus für alle

Ein Geburtshaus auf dem Gelände einer Uniklinik, das zu einem Versorgungszentrum für alle Schwangeren wird? Diese Idee haben Hebammen in Köln umgesetzt. Mit dem Lindenthaler Geburtshaus, das Räumlichkeiten der Uniklinik Köln nutzt, erreichen sie auch Frauen in schwierigen Situationen. Hierher kommen die Familien, die Hebammenhilfe brauchen, aber in ihrer besonderen Situation oft nicht erhalten. Hier begleiten sie Familien, die nach einer Frühgeburt Unterstützung benötigen. Hier sind die Frauen, die auf eine besondere Stillberatung angewiesen sind, wenn sie selbst erkrankt sind. Und viele von ihnen lernen den Ort Geburtshaus bei ihrem ersten Kontakt mit dem Hebammenteam überhaupt erstmals kennen. Mit der Kinderklinik und Gynäkologie ist das Geburtshaus nicht nur räumlich eng verbunden – im Team und in guter Kooperation erarbeiten sie Projekte, die das Versorgungsangebot für alle Seiten verbessert.

Nele Krüger

Gesundheit stärken: Salutogenese und Physiologie in der Schwangerschaft

In den letzten Jahren richtet sich der Fokus in der Hebammenarbeit verstärkt darauf, wie die Salutogenese, die Entstehung von Gesundheit, bereits in der Schwangerschaft gezielt gefördert werden kann. Wie können Familien gesünder, stärker, selbstbewusster und verbundener aus dieser Lebensphase hervorgehen? Ausgangspunkt ist hier ein vertiefendes Verständnis der Anpassungsprozesse, die schon im Rahmen der Schwangerschaft auf körperlicher aber auch auf psycho-sozialer Ebene stattfinden – und wie sie ineinandergreifen. Nele Krüger stellt in ihrem Vortrag diesen ressourcenorientierten Ansatz vor, der auf einer wissenschaftlich fundierten Auseinandersetzung mit physiologischen Dynamiken basiert. Ein Konzept, das in der Schwangerschaft ein Abwarten bzw. Handeln im klinischen Diskurs mit Blick auf die physiologischen Prozesse ermöglicht – und evidenzbasiert begründet werden kann.

Ulla Henscher

Ein Paradigmenwechsel: Beckenbodentraining in der Schwangerschaft

Bereits in der Frühschwangerschaft verändert sich die Organposition nach caudal und die Beckenbodenkraft sinkt. Verantwortlich ist die hormoninduzierte Veränderung im Beckenbindegewebe, die dazu führt, dass sich die bindegewebigen Spalträume im weiblichen M. levator ani lockern. Hartnäckig hält sich die Vorstellung, ein kraftvoller Beckenboden, wie z.B. bei Reiterinnen, wirke geburtsverzögernd. Umstritten ist aus diesem Grund ein gezieltes Beckenbodentraining in der Schwangerschaft. Die Physiotherapeutin Ulla Henscher belegt anhand von Studienergebnissen, dass eine trainingsbedingte verbesserte Muskelkontrolle und eine gekräftigte Beckenbodenmuskulatur zu einer verkürzten Geburtsdauer führen. Außerdem kann ein regelmäßiges Beckenbodentraining eine peripartale Inkontinenz verhindern. Das Fazit: Beckenbodentraining sollte fester Bestandteil in jeder Schwangerschaft sein.

Prof. Dr. Sabaratnam Arulkumaran

Intelligente strukturierte intermittierende Auskultation

Gerät ein ungeborenes Kind während der Geburt in Not, ist es wichtig, diesen Zustand innerhalb angemessener Zeit zu erkennen. Die intermittierende Auskultation ist ein vielversprechender Ansatz, die fetale Lage korrekt zu interpretieren, ohne unnötig in den Geburtsverlauf einzugreifen. Allerdings müssen dafür verschiedene Voraussetzungen, wie das korrekte Erfassen der Baseline und der Kindsbewegungen, erfüllt sein. Unabdingbar ist die strukturierte Durchführung der Beobachtung der fetalen Herzaktion und deren korrekte und vollständige Erfassung. Hierbei gilt es, eine Verwechslung der Baseline mit Akzelerationen oder Dezelerationen zu vermeiden. Prof. Sabaratnam Arulkumaran nimmt uns in seinem Vortrag mit in die Welt der hochrangigen universitären Geburtshilfe mit weitreichender Erfahrung in der intelligenten, strukturierten, intermittierenden Auskultation.

PD Dr. Frank Reister

Physiologische CTG-Interpretation

Seit der Einführung des CTGs hoffen wir – bisher vergeblich – auf eine Verbesserung des neonatalen Outcomes. Die aktuelle S3 Leitlinie „Die vaginale Geburt am Termin“ empfiehlt weiterhin die Interpretation mittels FIGO-Score. Ein Score, der auf einer schematischen Mustererkennung beruht, der weder eine Anpassung an den klinischen Kontext, wie Gestationsdiabestes oder grünes Fruchtwasser, zulässt, noch Veränderungen im Geburtsverlauf ausreichend berücksichtigt. In Großbritannien und anderen europäischen Ländern kommt es bereits zu einem Paradigmenwechsel, weg von der Mustererkennung, hin zur physiologischen CTG-Interpretation, welche auf die individuellen Gegebenheiten von Mutter und Kind eingeht und die physiologischen Mechanismen der intrapartalen Hypoxie-Entstehung berücksichtigt. In ihrem Vortrag beleuchtet Dr. Sophia Andres die Hintergründe und zeigt eine sinnvolle Alternative zum FIGO-Score auf.

Madita Voß

Mutmachbeispiel 2: Überlastung im Kreißsaal? Ein Ansatz, wie die Patient:innensicherheit gewährleistet werden kann

In der Geburtshilfe herrscht naturgemäß ein variierendes Aufkommen von Geburtsbetreuungen, das in Spitzenzeiten zu einer maximalen Auslastung der Kapazitäten führen kann. Diese Ausnahmesituationen können dazu führen, dass die optimale Versorgung weiterer Frauen oder der Neugeborenen im Kreißsaal oder in der Neonatologie nicht mehr gewährleistet werden kann. Ein Instrument, um die Patient:innensicherheit sicherzustellen, ist die temporäre Abmeldung von der Notversorgung bei der Rettungsleitstelle der Feuerwehr. Damit Entscheidungen für Abmeldungen kriterienbasiert – und nicht subjektiv – erfolgen, hat ein Team im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ein Punktesystem zur Operationalisierung der Auslastung im Kreißsaal entwickelt.

Samstag

Dr. Rachel Reed

Die Physiologie kennen – Geburten begleiten

Der Blick auf die Physiologie nimmt auch in der Forschung einen immer größeren Raum ein – so bestätigen immer mehr Studien die Vorteile einer physiologischen Geburt für Mütter und Kinder. Dennoch ist das Wissen über die Physiologie und wie die physiologischen Prozesse während der Geburt unterstützt werden können nach wie vor begrenzt. In ihrem Vortrag spricht die australische Hebamme und Wissenschaftlerin Rachel Reed über die Physiologie der Geburt und wie normale Aspekte der Geburt, wie eine Muttermundslippe, falsch interpretiert werden und zu unnötigen Interventionen führen.

Dr. med. Daniela Dotzauer

Frühkindliche Regulationsstörungen – Konzept einer aufsuchenden Betreuung

Frühkindliche Regulationsstörungen betreffen jedes fünfte Kind – entsprechend häufig erleben Hebammen untröstlich schreiende Kinder und verunsicherte Eltern. In ihrem Vortrag gibt die Kinderärztin Dr. Daniela Dotzauer einen Überblick über den Formenkreis frühkindlicher Regulationsstörungen und stellt ihr aufsuchendes Beratungskonzept vor. Anhand von Fallbeispielen erläutert sie die verschiedenen Beratungsschwerpunkte sowie mögliche Lösungswege. Sie ist überzeugt, dass die Betreuung vor allem dann gelingt, wenn Hebammen und Ärzt:innen über die ersten Wochen hinaus die Familien auf die kommenden Entwicklungsaufgaben vorbereiten, sodass Folgeprobleme wie erlernte Schlafstörungen verhindert werden können. Wenn Eltern wissen, was auf sie zukommt und was sie tun können, fühlen sie sich sicherer, kompetent und entlastet – und eine frühe Entlastung schützt die Eltern-Kind-Beziehung und ermöglicht eine gesunde Entwicklung.

Susanne Ritz | Vera Witsch

Mutmachbeispiel 3: Haut auf Haut – ein klinisch erprobtes Bindungskonzept

In den meisten Kliniken ist es mittlerweile selbstverständlich, den Haut-zu-Haut-Kontakt zwischen Eltern und Kind unmittelbar nach der Geburt zu fördern. Doch welche Vorteile entstehen für Eltern, Baby und Personal, wenn ein Neugeborenes darüber hinaus auch in den folgenden Stunden und Tagen die ganze Zeit im Hautkontakt sein darf? Susanne Ritz und Vera Witsch haben sich in Praxis und Theorie intensiv mit diesem Bindungskonzept beschäftigt, das auf einer Kölner Wochenstation inzwischen als Normalität gelebt wird. In ihrem Vortrag möchten sie Mut machen, den dauerhaften Hautkontakt auf der Wochenstation einzuführen, damit feinfühlige Familien entstehen, sichere Bindungserfahrungen früh verankert werden und größtmögliche Gesundheit gefördert wird – und so bestehende Ammenmärchen und Ängste aufgelöst werden. Ihr Fazit: Ein Gewinn für alle Beteiligten!

Christiane Borchard

Hyperbilirubinämie – wer schaut noch auf das Kind?

60 bis 70 Prozent aller reifen, gesunden Neugeborenen erleben eine mehr oder weniger ausgeprägte Hyperbilirubinämie. Je nach Ausprägung kann sie Ausdruck physiologischer Anpassungsprozesse sein oder den Beginn einer schweren Erkrankung anzeigen. Werden die Neugeborenen im Lebensalter von 48 bis 72 Stunden nach der Geburt entlassen, befinden sie sich in einer sehr labilen Phase, in der sich das Stillen noch einspielen muss und der Bilirubinwert erst zu steigen beginnt. Eine weitere Überwachung aller Kinder ist also unerlässlich. Und zwar so lange, bis die Gefahr für eine schwere Hyperbilirubinämie vorüber ist. Denn jede Verzögerung gerät zum Nachteil der Kinder! Rein theoretisch sind wir dafür in unserer Gesundheitsversorgung auch gut aufgestellt. Doch wie sieht es in der Praxis aus? In ihrem Vortrag berichtet Christiane Borchard über bereits bestehende Defizite und stellt praxisnahe Lösungen vor, die Hebammen zeitnah umsetzen können.

Susann Scharschuh

Die Stimme der Frauen: Tiefenentspannt durch die Geburt

Nach einer langen und schmerzhaften Geburt ihres Sohnes suchte Susann Scharschuh in der zweiten Schwangerschaft nach einer alternativen Methode und mentaler Unterstützung. Sie nahm an einem Geburtsvorbereitungskurs teil, in der sie eine Methode der Tiefenentspannung erlernte. Mit dieser Methode „Die friedliche Geburt“ brachte sie im Mai 2021 ihre Zwillinge im Krankenhaus zur Welt und erlebte eine nahezu schmerzfreie, natürliche Geburt ohne Interventionen. In ihrem Vortrag beschreibt Susann Scharschuh die positiven Auswirkungen der Tiefenentspannungsmethode auf Schwangerschaft und Geburt und berichtet von ihren Erfahrungen mit einer Geburt in Hypnose sowie den positiven Erlebnissen mit dem geburtsbegleitenden Personal.

Daniela Erdmann

Wochenbett digital?

Wie können Hebammen mithilfe digitaler Angebote im Rahmen der Wochenbettbetreuung eine adäquate Begleitung von Mutter und Kind sicherstellen und bestenfalls gleichzeitig eine Arbeitsentlastung erreichen? Daniela Erdmann erläutert die Grundideen der Digitalisierung im Gesundheitswesen und nimmt dabei die Auswirkungen auf die Betreuung der Frauen und Familien durch die Hebamme in den Blick. In ihrem Vortrag reflektiert sie, wie eine praktische Umsetzung im (Hebammen-)Alltag aussehen kann und stellt sich und den Teilnehmer:innen die Frage, wie sich die Bedürfnisse von Frauen in der Wochenbettzeit verändert haben.

Vera Baur

Mutmachbeispiel 4: Wochenbettkapazitäten erweitern – im Sinne der Frauen und Hebammen

Wie lassen sich die Bedürfnisse der Frauen nach einer Wochenbettbetreuung und die Bedürfnisse von Hebammen nach einer geregelten Arbeitszeit verbinden? Dieser herausfordernden Frage stellte sich ein Hebammenteam im Raum Coesfeld. Seit 2021 bieten sie ein Wochenbettkonzept an, das mehr Kapazitäten in der Betreuung schafft und gleichzeitig den freiberuflich arbeitenden Kolleg:innen die Möglichkeit bietet, in einem gut planbaren Rahmen zu arbeiten. Das Team betreut die Frauen und Familien in einer Kombination von aufsuchender und nicht-aufsuchender Hebammenhilfe. Mit diesem Konzept konnten Kolleg:innen für die Begleitung von Familien im Wochenbett gewonnen werden, die aufgrund ihrer familiären, finanziellen und zeitlichen Umstände bisher keine kompletten Betreuungen übernehmen konnten. In ihrem Vortrag stellt Vera Baur das Konzept, das aktuell evaluiert wird, vor.