Vorträge

Freitag

Maika Keil | Bente Schwarz | Isabelle Wunsch

"Wir glauben an die Zukunft"

Wo kommen wir her und wo wollen wir hin? Drei Hebammenstudentinnen berichten über ihre Sicht auf die aktuelle geburtshilfliche Situation, auf alte und neue Hebammenweisheit, verschiedene Lernmodelle, die akademisierte Ausbildung und das Hebammenhandwerk. Sie blicken auf die Zusammenarbeit mit den Ärztinnen und Ärzten und lassen uns teilhaben an ihren Gedanken, wie „gemeinsam“ lernen und arbeiten gehen kann. Nicht zuletzt haben sie auch die Begegnungen mit den jungen Frauen im Blick, die sie beim Mutterwerden zwischen Risikodenken und neuem Selbstbewusstsein begleiten. Hören wir zu und lassen wir uns inspirieren!

Magdalena Daiss | Amrei Esslinger | Christina Hirschvogel | Alina Kosanke | Teresa Neininger | Sophia Zehetmair

Mutmachbeispiel 1: Standards entwickeln und mit Leben füllen

Aktuelles, evidenzbasiertes Wissen in die Praxis zu bringen, das war das Ziel von sieben Studentinnen der DHWB Heidenheim. Sie nutzten die Gunst der Stunde und entwickelten im Rahmen eines Seminars einen Klinik-Standard zu den Geburtsphasen – und bekamen die Chance, diesen am Ulmer Universitätsklinikum, einem Perinatalzentrum mit 3.200 Geburten jährlich, umzusetzen. Der Standard stellt die Physiologie des Gebärens bei Low-risk-Schwangeren in den Vordergrund, minimiert den Zeitdruck und gibt gleichzeitig weitere Handlungsempfehlungen. Die Erfahrung in der Praxis? Diese erleben einige der ehemaligen Studentinnen nun als frisch examinierte Hebammen in der Universitätsklinik – und berichten davon in ihrem Vortrag.

Yvonne Bovermann

Wird nun alles gut? Reformen in der Geburtshilfe

Das Jahr 2020 ist für die Hebammen in Deutschland ein besonderes Jahr. Nach über 30 Jahren hat die Bundesregierung ein neues Hebammengesetz in Kraft gesetzt, das endlich auch in Deutschland die vollständige Akademisierung vorsieht. Aber reicht das aus, um die Probleme der Geburtshilfe zu lösen? Besonders die Situation in den Kreißsälen ist dramatisch, die Versorgung kann auch im ambulanten Bereich nicht flächendeckend gewährleistet werden. In den kommenden Jahren werden zudem Veränderungsprozesse weiter voranschreiten – z.B. die Urbanisierung der Bevölkerung, Veränderungen in den Geburtenzahlen sowie die Digitalisierung im Gesundheitswesen. Yvonne Bovermann setzt sich als Beirätin für den Bildungsbereich im Deutschen Hebammenverband zusammen mit ihren Kolleginnen intensiv mit der aktuellen Situation sowie den anstehenden Veränderungen auseinander. In ihrem Vortrag spricht sie über die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen in der Geburtshilfe.

Jella Grabbert

Screening auf fetale Retardierung - ein neues Tool in der Vorsorge

Hebammen, die als Primärversorgerin gesunde Schwangere begleiten, sind auf Instrumente angewiesen, die ihrer hohen Verantwortung Rechnung tragen. Einerseits soll die Schwangerschaft nicht mit unnötigen Untersuchungen gestört, andererseits Risiken möglichst sicher erkannt werden. Das Perinatal Institute in Großbritannien hat ein Tool entwickelt, das Growth Assessment Protocol, mit dem Hebammen fetale Wachstumsretardierungen bei Low-risk-Schwangeren mithilfe der Messung des Symphysenfundusabstandes erkennen können – evidenzbasiert und mit einer hohen Detektionsrate. Jella Grabbert erklärt in ihrem Vortrag, mit welchen Parametern das Tool arbeitet, wie es funktioniert und warum es so erfolgreich ist. Dabei blickt sie auf zwei Jahre Erfahrung in der Praxis zurück und wird sowohl von der systematischen Nutzung als auch den Hürden berichten.

Prof. Dr. Christiane Schwarz

Die Vertreibung aus dem Paradies? Update Geburtseinleitung

Die Geburtseinleitung ist eine sehr häufig angewandte Intervention: Jede vierte bis fünfte Schwangere in den Industrieländern Europas ist betroffen. Warum werden Wehen überhaupt eingeleitet? Wann sollte eingeleitet werden und wenn überhaupt: bei wem und wie? Was denken Frauen darüber, und welche Erfahrungen machen Hebammen mit der Geburtseinleitung? Wer sagt eigentlich, wie es richtig wäre? Gegenstand dieses Vortrags werden aktuelle Forschung, Zahlen und Fakten, Leitlinien sowie kritische Gedanken zur Geburtseinleitung sein.

Mag. Dr. Manuela Werth

Geburtserleben - zwischen Glücksgefühl und Trauma

Die Geburt eines Kindes ist für die Gebärende eine Erfahrung, die ihr Leben wesentlich prägt. Für die eine Frau ist es eine unglaublich schöne, ihr Dasein, ihr Selbst, ihre Integrität bestätigende und stärkende Erfahrung. Für die andere Frau ist es genau das Gegenteil, im schlimmsten Fall sogar eine traumatisierende Erfahrung. Welche Faktoren tragen zu diesen unterschiedlichen Erfahrungen bei und wie können Hebammen und GynäkologInnen die Gebärende unterstützen, damit die Geburt zu einem positiven und stärkenden Erlebnis wird? Dr. Manuela Werth blickt als Psychologin und Psychotherapeutin auf die Einflussfaktoren, die das Geburtserleben und den Geburtsverlauf prägen und zeigt auf, welche Interventionen dazu beitragen können, dass Gebären für die jeweilige Frau ein positives Erlebnis wird.

Stephanie Hahn-Schaffarczyk

Mutmachbeispiel 2: Veto im System

Eine typische Kreißsaalsituation: Eine Frau kommt mit einem Befund ins Krankenhaus – die Einschätzung der Hebamme weicht deutlich von der des diensthabenden Arztes ab. Vor allem wenn es darum geht, unnütze Interventionen zu verhindern, bietet das hierarchische Gefüge in solchen Momenten ein großes Konfliktpotenzial … Was tun, wenn die Leitlinien eindeutig sind, der Arzt diese aber nicht berücksichtigt? Remonstrieren! Die Hebamme Stephanie Hahn-Schaffarczyk hat genau diese Situation erlebt und möchte Mut machen, Veto im System zu üben. Sicher gehört eine Portion Courage dazu – und nicht immer erntet auch die betroffene Frau die Früchte der Remonstration. Aber aufzustehen und hartnäckig zu bleiben – im Sinne der Frauen –, hat das Potenzial, langfristig Veränderungen zu bewirken.

Samstag

Dr. Bärbel Basters-Hoffmann

Gebären nach vorangegangenem Kaiserschnitt

GeburtshelferInnen werden nicht abgestraft für die Durchführung der Sectio, sondern für den zu späten oder nicht gemachten Kaiserschnitt. Kliniken, die ihre Kaiserschnittraten senken, müssen empfindliche finanzielle Nachteile hinnehmen. Warum also mit großem zeitlichem, persönlichem und emotionalem Einsatz für die physiologische Geburt eintreten? In dieser Situation geht Wissen, Kunst und Selbstverständnis verloren. Und gleichzeitig sind wir konfrontiert mit den Müttern im Z.n. Sectio, die zurecht eine ehrliche Unterstützung für ihren Wunsch nach physiologischer Geburt erwarten, aber als Risikoschwangere selbst verunsichert sind und auf die Vorbehalte der GeburtshelferInnen treffen. Dr. Bärbel Basters-Hoffmann stellt in ihrem Vortrag die Fakten zur VBAC vor und erzählt von ihren klinischen Erfahrungen sowie möglichen Ansätzen, wie sowohl Frauen im Z. n. Sectio als auch GeburtshelferInnen den Mut zur Spontangeburt finden können.

Prof. Dr. Dr. h.c. Frank Louwen

Zurück in die Kreißsäle: die vaginale Beckenendlagengeburt (Arbeitstitel)

- Text folgt -

Dr. Miriam Bräuer | Mirja Wong

Mutmachbeispiel 3: Den Notfall üben und reflektieren – ein Teamansatz

Notfälle sind in der Geburtshilfe selten – diese Tatsache stellt geburtshilfliche Teams vor die Herausforderung, in konkreten Situationen Routine und Sicherheit zu erlangen. Denn Unsicherheit führt zu Angst und in angstbesetzten Situationen sind Handlungsabläufe tendenziell fehleranfälliger. Um diesem Dilemma zu begegnen hat das geburtshilfliche Team der Frauenklinik des Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke ein interdisziplinäres Simulationstraining geburtshilflicher Notfälle in den klinischen Alltag implementiert. In den wöchentlich stattfindenden Trainingseinheiten werden Notfallsituationen in Rollenspielen nachgestellt und gelöst. In einem wertschätzenden Debriefing reflektiert das Team die Kommunikation mit der Gebärenden und untereinander sowie die Optimierung des angewandten Algorithmus zum Notfallmanagement. Anschließend werden die situationsbezogenen manuellen Fertigkeiten am Modell geübt.

Prof. Dr. Kerstin Uvnäs Moberg

Die Wirkung von Oxytocin während Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit

Oxytocin wird im Hypothalamus produziert und beeinflusst kontinuierlich die mütterliche Psychologie und Physiologie während der Schwangerschaft, der Geburt, beim Hautkontakt mit dem Kind und in der Stillzeit. Es fördert das mütterliche Potenzial für soziale Interaktionen, vermindert die Wahrnehmung von Schmerzen und Ängsten und löst positive Gefühle aus. Insbesondere beim Haut-zu-Haut-Kontakt sowie beim Stillen reduziert Oxytocin Stress und aktiviert Verdauungs- und Stoffwechselprozesse. Das Baby produziert sein eigenes Oxytocin, das analog zur Mutter verhaltensbedingte und physiologische Effekte aktiviert. Prof. Dr. Kerstin Uvnäs Moberg beschreibt in ihrem Vortrag diese Prozesse und diskutiert die Folgen medizinischer Interventionen während der Geburt auf diese Anpassungsvorgänge.

Christine Wendl

Die Stimme der Frauen: Gebären in zwei Welten

Ihre erste Geburtserfahrung machte Christine Wendl dort, wo andere Urlaub machen: in Australien. Sie studierte das englische Vokabular – denn Wörter wie Nabelschnur und Wehen waren bis dahin nicht Bestandteil ihres Repertoires. Zurück in Deutschland und wieder schwanger, musste sie sich auch hier auf neue Wörter einstellen: Drei-Monats-Koliken und Trageberatung waren ihr bis dahin unbekannt. Was sie in Australien von der Hebamme überwiegend in Gruppensituationen gelernt hat, erfuhr sie in Deutschland vor allem in intensiven Einzelberatungen bei ihrer Hebamme. Die Erfahrung, in zwei Welten geboren zu haben, hat das Familienleben sehr geprägt. In ihrem Vortrag gibt sie einen Einblick in die kleinen Unterschiede zwischen diesen Welten und einen Ausblick, wie diese ein Leben beeinflussen.

Peggy Seehafer

Geburtsverletzungen. Den Heilungsprozess begleiten

Gut adaptierte Geburtsverletzungen heilen innerhalb weniger Tage – treten dennoch Heilungsprobleme auf, sind die Hebammen in der Wochenbettbetreuung gefragt. Neben gewebebedingten Problemen sind dann häufig strukturell bedingte Probleme ursächlich: falsch verwendetes Nahtmaterial, falsch gewählte Nahttechnik bis hin zur Traumatisierung aufgrund einer unzureichenden Analgesie. Da die Behandlung von Geburtsverletzungen nur selten ausführlich dokumentiert wird und der Hebamme im Rahmen der Wochenbettbetreuung in der Regel kein Übergabeprotokoll vorliegt, muss sie sehr aufmerksam sein. Eine Naht zu öffnen, weil die Wöchnerin sie als unangenehm empfindet, ist nur selten eine gute Idee! Peggy Seehafer zeigt anhand von Bildern, worauf Hebammen bei der Heilung von Geburtsverletzungen achten müssen und wann sie die Frauen an einen Facharzt/eine Fachärztin überweisen sollten.

Janette Harazin

Mutmachbeispiel 4: An der Seite der Frau – als Hebamme in der Kinderklinik

Am Anfang stand eine Idee – inzwischen ist es ein Projekt mit großem Entwicklungspotenzial: In dem Hamburger Stadtteil, in dem die Hebamme Janette Harazin arbeitet, gibt es ein kleines Krankenhaus mit einer tollen geburtshilflichen Station, jedoch ohne Kinderstation. Der Klassiker: Nach der Verlegung in die Kinderklinik sind die Babys gut versorgt, die Mütter aber auf sich alleine gestellt. Eine „Miniwochenstation", die Janette Harazin gründete, füllt seit September 2019 diese Versorgungslücke. Die Mütter nehmen das Angebot dankend an und auch beim Team der Kinderklinik ist die Resonanz positiv. Weitere Ideen, wie eine Wochenbettambulanz und Rückbildungskurse in der Klinik, sind bereits im Gespräch. Janette Harazin berichtet in ihrem Vortrag von den Schritten, die für eine Kooperation mit der Klinik und die Organisation im Team notwendig waren, und gibt einen Ausblick auf weitere Entwicklungsmöglichkeiten.